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Robert Stripling. Über Flüche. Album II
Robert Stripling. Über Flüche. Album II
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Nie werde ich alle Orte vollständig erzählt haben
DAS BUCH
Als Isaak vom Opferberg zurückkehrte, hatte er den Glauben verloren. Er war der Widder. Mutter muss alles in seinen Augen gesehen haben. Wie dauern Flüche an? Wie weben sie ihre Auswirkungen durch Jahrhunderte? Nicht allein steht man plötzlich in der Familiengeschichte, sieht Verlinkungen – eine Tafel Schokolade, die über Generationen die Schuldfrage aufrechthält, warum hat man nicht alles gegeben? Das Lazarett Karlsbad. Gibt es Tote, die sich später melden, wenn die Zeit reif ist – als Gespenster oder ganz und gar wirkliche Lieben, die ins Fleisch schneiden? Als Misshandlungen? Wie lassen sich Flüche überwinden? Über Flüche. Album II erzählt die Orte, in denen sich Bewusstsein mit Erinnerung überlagert und verstrickt; Erinnerung, die älter als der eigene Körper erscheint – nah der tschechischen Grenze, das zarte Fleckchen Kindheit am ehemaligen Dreiländereck, zwischen Tschechoslowakei, DDR und BRD. Hier ging nach Kriegsende ein Soldat heim und wurde erschossen. Ein Spatz im Dom Mariä Heimsuchung in Augsburg flattert die bunten Fenster ab, das Gebäude seine gewaltige Voliere. In einem Blumenladen plötzlich der Satz einer Kinderstimme: „Niemand hat das Recht mich zu verletzen.“ Wie die Sprache befreien, in die mit jedem Wort Verletzlichkeit eingeschrieben steht? Über Flüche schließt das Albenprojekt ab, das mit dem Band Unter Stunden begonnen wurde.
— Robert Stripling
STIMMEN ZU ROBERT STRIPLING
Diese Sprache hat einen Sog, dem ich gar nicht entkommen wollte. Jeder Satz ist ein Kairós.
— Arnold Stadler
Mit seiner forcierten Entschlossenheit zur ästhetischen Verwandlung der Welt liefert Stripling ein wuchtiges literarisches Statement ab.
— Michael Braun, DLF Büchermarkt
Den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2023 verleiht die Wissenschaftsstadt Darmstadt einer Stimme, die, das Ende ihres poetischen Vermögens beklagend, in einem bravourösen Parcours genau das schafft: Poesie. Changierend zwischen Depression und überschwänglicher Hybris, auf der Suche nach welthaltigem Sinn und eigenem Selbst,
Zeiten und Orte streifend, getrieben von permanentem Wahrnehmungsfuror und in einem unaufhörlichen, assoziationsreichen Monolog entsteht beeindruckende Dichtung.
— Jury zum Wolfgang Weyrauch-Förderpreis
LESEPROBE
Dies alles zu sehen. Vorhin gechattet = ›geschnattert‹ mit Teryna; erzählte mir, dass sie Geld bräuchte, Boyfriend entführt, an die Front usw., ohgottogott, ich will mir das alles nicht ausmalen, ich will mir das alles nicht ›ausdenken‹! Also eh alles relativ; sofort Geld überwiesen & gleichsam gedacht : nein, es gibt keine Relationen; wenn einem plötzlich vor dem Hintergrund / ›in Relation zu‹ beispielsweise ›abgeschlachteten Menschen‹ an der Haustür, auf offener Straße usw., alles andere läppisch erschiene, dann wäre das auch eine Form von Empathieverlust – eben nicht zu verhärten! Nichts für geringer zu schätzen; die Welt war verdächtig. Mal wieder wartete ich auf Anzeichen von Göttern; blanker Hohn! Ich wurde klarer, ich spürte, dass ich in einer Zeit unzählig verästelter & gegensätzlicher SCHMERZSIMULTANITÄT en, einem unvergleichbaren Nebeneinander von Schmerzen lebte – handeln, d. h. reagieren darauf, ließ sich ›nur jeweilig‹!
Es ging doch darum, die Gewaltspirale zu durchbrechen, sage ich zu Ampère, nicht wahr?, die GEWALTSPIRALEN anzuerkennen, sie in das eigene Empfinden zu integrieren, ›nicht negieren‹, die Gewalt!, aber zu analysieren & entgegen ihrer Impulse einen gescheiten, nicht gescheiterten Weg zu wählen, nicht wahr? Wen schlug ich da tot?
Ebenso Bücher als LIEBESLANDKARTE, dass diese Literatur-, diese Kunstverweise immer auch Begegnungen gewesen waren, also in all ihrer Wahllosigkeit doch keine Willkürlichkeit besaßen, sondern verknüpft mit Menschen; dass ich wieder nach Heidelberg fuhr, sage ich zu Le Nez, am 31.10.23 ; auf dem Schild eines Süßwarengeschäfts stand das Wort »Herbstmischung«, unwillkürlich las ich »Selbstbestimmung« (ich las wirklich ›völlig daneben‹, als hätte ich beim Lesen überhaupt keinen der ›tatsächlichen Buchstaben‹, die da doch standen, erwischt …) Hatte ich irgendetwas zu erlernen, dass über meinen Schmerz hinausging?, hatte ich irgendetwas begriffen (obwohl ich doch wusste, dass es der Fall war …).
DER AUTOR
Robert Stripling, geboren 1989 in Berlin, lebt in Edenkoben. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Mitarbeit an Theaterproduktionen, zahlreiche Bühnenauftritte mit Schlagwerk. Er erhielt den Lyrikpreis des Open Mike 2014, den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2023, den Förderpreis zum Heimrad Bäcker-Preis 2023 und den Licher Literaturpreis 2023 sowie verschiedene Stipendien, zuletzt ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2025. Zahlreiche Veröffentlichungen (u.a.: Bella Triste, Neue Rundschau, Sprache im technischen Zeitalter, manuskripte, Jahrbuch der Lyrik). In Buchform erschienen die Herausgeberfiktion Verpasste Hauptwerke, mikrotext 2018, und der Band Unter Stunden. Album I, kookbooks 2022.
Robert Stripling, Über Flüche. Album II, Reihe Prosa Band 17, 358 Seiten, Hardcover, mit Fototeil, gestaltet von Andreas Töpfer, ISBN 978-3-948336-12-7
