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Nea Schmidt. Sprechen in Flechten. Gedichte
Nea Schmidt. Sprechen in Flechten. Gedichte
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Verpass deine Trauer
DAS BUCH
Sprache als Alge an Land, die sich über die Ränder der Dinge ausbreitet: Worum geht es in Nea Schmidts Debütband Sprechen in Flechten? Um alles! Also um nichts? Nein, um das Verwischen, um ein Verwachsen mit den Schwestern, um ungefestigte Identität, oder vielleicht um ein verflochtenes, sich ständig änderndes Sein. In den Begriff der Flechte schleicht sich – wie ein Parasit, oder wie ein Zweifel, als Befall – das Flechten ein, eine traditionell weibliche Kulturpraxis. Sprache als Gewebe, Liebe als Laufmasche.
Kategorisierungen werden immer wieder angedeutet, nur um sie dann zu unterlaufen, indem sich das lyrische ich oder dessen Sprache – oder doch die Welt sich dem lyrischen ich? – als Flechte darstellt: als eigenständige, fremde oder sogar unheimliche Lebensform, als symbiotische Gemeinschaft, die verschiedenste Materien besiedelt. Begriffe domestizieren, dedomestizieren. Sprechen in Flechten stellt sich als rastlose Denkbewegung dar, die eine poetische Position innerhalb eines anthropomorphen Verhältnisses einnimmt, in dem sich Natur spaltet, kultiviert, entfremdet, wiederbegegnet
und reibt. Aus dieser Reibung entstehen Gedichte: wuchernd, das Wuchern ordnend,
die Ordnung überwuchernd, usw.
— Nea Schmidt
STIMMEN ZU NEA SCHMIDT
… ihren Gedichten gelingt der Spagat zwischen Relevanz und Unterhaltung.
— Nadine Kreuzahler, DLF Kultur
Ein unerschöpfliches, strudelndes Ideenquell, das sich mit höchster Intelligenz zu einem gleichermaßen privaten wie politischen Lebensratgeber fügt. Diese Gedichte sind für alle, die nicht wissen, weshalb sie am Leben sind, denn sie verraten das größte Geheimnis: Glück ist Liebe. Alle sollen froh sein, einfach und sanft. Das Leben ist ein Club. Mach einfach mit. Wir gratulieren Nea Schmidt zum Lyrikpreis des Open Mike 2025.
— Yevgeniy Breyger, Jurybegründung zur Preisverleihung
LESEPROBE
I
ich weiß nicht was am Anfang war das Wort oder das Chaos und mit Chaos
meine ich ein Gemisch aus Wasser und Farbe oder aus Erde und Blau oder aus
Himmel und Stein oder ein trostloses Grau und mit trostlos meine ich nichts
weil niemand bedürftig oder traurig ist
das Chaos war ein süßlicher Brei und das Chaos war wie warmer Flaum und
fühlte sich an wie weicher Schaum wie ein Schwamm der Kreide zu Nebel
wischt Sporen und Puder Pastell Myzel Schuppen und Staub Talg alles geht in
ihren Schwaden auf
unbestimmt nicken die weichen Köpfe der Pilze und neigen höflich schweigend
ihre Lamellen bilden sie Schirme oder tragen sie Hüte was geht uns das an
fragen wir in unsere Leere hinein der Schall der an die Rippen prallt wirft ein
oder fragt ist ein Körper ein Raum wir schweigen
und denken an Türen erinnern uns kaum
II
der Atem regelt alles diskret : die Lunge saugt das Universum auf das
Universum wringt die Lunge aus
der Austausch der Spuren folgt der Partitur der Partikel oder ihrem Schirmherrn
dem Staub der heiser raunt Asche zu Asche Pixel zu Pixel Tür zu
Tür auf
ach die Pilze fordern uns eh erst später zurück gnädige Gönner gewähren uns
Stochern und Kleinlichkeit die albernen Unterscheidungen vorerst wischen
wir das weg und ignorieren was die Lunge füllt wir kontrollieren unsere Türen
spielen uns auf
der Schlaf fällt schal ein, fällt
jede Nacht einen Baum.
bin zwischen den Maschen.
mein Körper lässt sich
begreifen als Angst im Käfig
& als enger Weltraum
& als zerfaserter Faden
& als zugestellter Wald
& als mit Sommern beladener Halm
in Maschen gedrängt & zwischen
den Maschen rächt sich die Flechte am Baum
DIE AUTORIN
Nea Schmidt wurde 1995 in Leipzig geboren. Ihr interdisziplinäres Studium absolvierte sie
mit dem Schwerpunkt Geschichtsphilosophie und Medientheorie an der Leuphana Universität Lüneburg. Danach studierte sie Literarisches Schreiben (BA) am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig und Sprachkunst (MA) an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie erhielt Aufenthaltsstipendien an der Hebräischen Universität Jerusalem, Art Omi: Writers in New York und 2026 im Künstlerhaus Edenkoben. 2022 gründete sie mit sechs Freund*innen das Lyrikkollektiv fährten. Nea Schmidt übersetzt u. a. für den Merve Verlag und lebt in Wien.
Nea Schmidt, Sprechen in Flechten. Gedichte, Reihe Lyrik Band 96, 112 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, ISBN 978-3-948336-34-9
