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Monika Rinck. Alle Türen. Gedichte

Monika Rinck. Alle Türen. Gedichte

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O ihr Nebelhörner, tutet! Alles fällt!

DAS BUCH

Alle Türen, sind sie auf oder geschlossen? Die Operette würde immer behaupten: sie sind beides. Sie finden dort Flügeltüren, Tunnel und Tapetentüren, spukhafte Geistertüren und die Türen, die sich in der Welle auftun, um einen zu verschlingen und an ganz anderer Stelle abzuliefern. Nicht zu schweigen: von den Türen, die auf die Bühne gehen, Dielen, bevölkert mit Füchsen und Faunen, humanen und posthumanen Agenten, dem aufgekratzten Operettenchor. Die Kulissen stammen aus dem Hause Negativität&Ramsch und werden von Fasanen geschoben. Alles liegt offen da, das Licht ist silbern, die Tage überblenden, niemand verlässt den Raum.

Rinck lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die Frau als Mensch, die Unbeständigkeit der Wilden Seele, die Grand-Duchesse von Gerolstein, den Grand Pacific Garbage Patch, die allgegenwärtige Groteske der Grenzen und deutsche Dünnhäutigkeit. Im Hintergrund sind die betörenden und mitreißenden Weisen aus der manischen Feder Jacques Offenbachs zu vernehmen. „Der Wagen holperte, stand still und ratterte weiter, aber Offenbach jagte Noten über das Papier, ohne der Erschütterungen zu achten“, schrieb Kracauer.

Doch bei aller Ausgelassenheit geht es in ALLE TÜREN um die Grenze, den Ausschluss, das Wegerecht, die freie und die versperrte Passage. Das sind die Grenzen der Operette. Wer sich eben noch frohen Muts in den Strudel hineinwarf, wird jetzt von Plastikmüll umkreist und die Temperaturen steigen. Nicht zuletzt ist ALLE TÜREN eine tiefe Verbeugung vor Jacques Offenbach, der im Jahr 2019 seinen 200. Geburtstag feiert. Ein ruhigeres Schlusskapitel, das den Titel MERCI trägt, gedenkt der Toten, bedankt sich und schnauft kräftig aus. Das könnte gerade noch gut gegangen sein.

STIMMEN ZU MONIKA RINCK

„Monika Rinck gelingt das Kunststück, mit kulturkritisch streng geprüften Parametern und Begriffen ein intellektuelles Großgedicht zu schreiben. Der Essay als Literatur zweiten Grades oder auch: die Lust am Text, gerettet für das Unrettbare. Der Essay aber auch als geistiges Hinterland der Lyrik. Das alles ist ungeheuer turbulent, atemberaubend klug, auch mal überkandidelt, dabei immer anregend, gebildet, stolz, überschwänglich und traurig. Früher hieß das dialektisch ‒ heute: Diva. Bleibt nur, dem Idioten, der Diva und der Dichterin ein schönes Fest zu wünschen.
‒ Ina Hartwig, Süddeutsche Zeitung

Heiliger Ernst bei großer Sanftheit. Also, lesen Sie ‚Risiko und Idiotie‘, es ist selbst ein Gedicht! Sie werden es nicht bereuen.
‒ Iris Hanika, Berliner Zeitung

Wie aber denkt man wagemutig? Indem man sich überfordert, sagt Monika Rinck.
‒ Tobias Lehmkuhl, Die ZEIT

in monika rincks gedichten … ist die gleichzeitige präsenz von intellektueller lebendigkeit und dichterischer einbildungskraft ein wahres und anhaltendes vergnügen. … texte, die nur so funkeln vor lauter (vielleicht auch lauterem, wenn das eine notwendige kategorie ist) sprachwitz, bildersinn und purem denkvergnügen.
‒ herbert j. wimmer, kolik

Kleist-Preis 2015
Ernst-Jandl-Preis 2017
Berliner Literaturpreis 2021
Friedrich-Hölderlin-Preis 2022

LESEPROBE

BARKOUF

Es stand als Fußsoldat neben mir deine haarige aufrechte Seele.
Oder wars meine? Die nicht mehr mitanschauen wollte, wie viel Gift
ich noch nahm. Die Erschöpfung war eine Höhle und meine Seele
war tiefer vergraben als ich. Die Würmer tändelten lieblich. Wie Blüten.
Hab so viel falschgemacht. Brachte durch Fehleingaben ganze Systeme
zum Absturz. Konnte die Zahlen selbst nicht mehr lesen. Mitspieler
verstarben. Das Falsche war gesagt. Könnte dieses Hündchen? Nein.
Als sei meine Seele verzogen. So schwer. Ja, so irrsinnig schwer.
Du gibst ihr Gift. Sie gibt dir Gift. Und das Aufbrauchen der Vertrauten.
Dass nur in der Distanz, nur in der Distanz zum Tierchen. Den Flug –
verschieben? Die Kurse verschieben? Ja, aber wohin? Wohin nur?
Was konnte so fremd sein, so nah sein, wie das Poem der Gewalt,
das nicht, das nirgendwo haltmacht. Vor Menschen nicht. Natürlich
auch nicht vor Tieren. Dazu ist es ja quasi verpflichtet, nicht wahr.
Lass einen Reim zu. Hol die Gläser aus dem Automaten, fülle sie.
Öffne die Augen. Schließe sie wieder. Dann lass sie sehr lange auf.
Im Bett wird die Mitte zertrümmert, und du rollst darin herum, wie,
weiß Gott, wie Murmeln oder Bewölkung. Der Tornado. Im Norden.
War es denn richtig? Ich weiß nicht. War es richtig? Da springen
Spatzen. Weben. Weben. Weben. Barkouf. Ich sage: Das Gelöste.
Was gerne gewollt ist, aber zu haben nur gewappnet, gehüllt in Rüschen,
in Operetten. Im Kopf aber Flammen. Und zu viel von dem Bösen,
das von außen hereindringt. Und nie wieder hinauskommt. Barkouf.
Barkouf. Zwischen den Augen ein Stern. Bewacht von Faden gezupften
Brauen. Offene Blicke verängstigt. Begleiter der Seele, hier bricht es ab.

WEIN IN STRÖMEN

Der Zugeparkte betätigt frühmorgens mehrere Stunden die Hupe.
Kriegsflüchtlinge zertrümmern die Semantik. Uniformen werden
umgedreht, Insignien verschleudert. Allerorts wehen die Pfannen.
Sie haben sich auf der Flucht getroffen. Das Martinshorn bollert.
Ladendiebstahl ist ein Grund. Beim Frühstück rauchen die Trümmer.
Die Menschen frieren fürchterlich. Sind auch um 2 Uhr morgens noch da.
Das Publikum randaliert. Typografie wurde gleichfalls zertrümmert.
Die Krankenkassen platzen, ach was, sie waren seit Jahren geplatzt.
Schnupftabak ist kein Trost für einen Totenkopf. Die ganze Sammlung
ist entsetzlich. Eine Prise Koks und Haselpollen. Der tiefblaue Dotter
des hartgekochten Hühnereis diente der großen Vergiftung als Test.
Sie färbten die Fahnen in der Ära der giftigen Farben. Alle waren
auf ihre Weise gefährdet. Andere waren auf ihre Weise begünstigt.
Tränen fluten Baden-Württemberg und Saarland. Kalisalze. Kadmium.
Den Menschen wurde all dies zu sehen gegeben. Wieder randalierte
das verbliebene Publikum. Sicherlich waren Frauen darunter. Kinder.
Der hitzige Kern des Bedauerns wurde mit Löschsand behoben.
Es ist die Hoffnung, die uns fertigmacht, die Unverhältnismäßigkeit
der Mandarine. Semantik. Die zertrümmerte Typografie rauchte.
Der Zugeparkte betätigt früh morgens mehrere Stunden die Hupe.

DIE AUTORIN

Monika Rinck studierte Religionswissenschaft, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik in Bochum, Berlin und an der Yale-University New Haven. Seit 1989 diverse Veröffentlichungen in vielen Verlagen. 2012 erschien der Lyrikband Honigprotokolle bei kookbooks, für den sie den Peter-Huchel-Preis erhielt. 2015 folgte Risiko und Idiotie. Streitschriften, 2019 Alle Türen. Monika Rinck ist Mitglied in der Lyrikknappschaft Schöneberg, der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2017 kuratierte sie das Festival POETICA in Köln. 2015 hielt sie die Münsterschen Poetikvorlesungen, 2019 die Lichtenberg-Poetikvorlesung in Göttingen, 2020 die Frankfurter Poetikvorlesungen. Sie übersetzt, gemeinsam mit Orsolya Kalász aus dem Ungarischen, kooperiert mit Musiker*innen und Komponist*innen. Für ihr schriftstellerisches und übersetzerisches Werk wurde Monika Rinck vielfach ausgezeichnet. Monika Rinck war Professorin für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ist heute Professorin für Literarisches Schreiben an der KHM. Sie lebt in Köln und Berlin. www.begriffsstudio.de


Monika Rinck, Alle Türen. Gedichte, Reihe Lyrik Band 63, 80 Seiten, Broschur mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer, ISBN 978-3-937445-96-0

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