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Liv Thastum. åben die erda. Gedichte

Liv Thastum. åben die erda. Gedichte

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sie steigen hinåb / die erde macht sich wieder auf

DAS BUCH

Es knackt am Grund der Krusten. Da murmelt was, summt was, da singt doch wer. Was ist dieses Å-Geräusch? Aa, oo, oh, öh? Es rumort an den Wortwurzeln. Da spricht doch jemand mit knåppeln am Mund. Die ist halb, halb. Die hat sich verdänt. Liv Thastums Debüt åben die erda gräbt Wege zu Orten, die von gewaltsamen Eingriffen in Landschaft und Sprache gezeichnet sind. Orte, die mehr als eine Sprache kennen. Drei Langgedichte schieben sich über die Landkarte. Es beginnt mit einem Riss. An der Jammerbugt im Nordwesten Dänemarks hat sich Geschichte in die Kalkfelsen eingeschrieben, die nun vorsichtig herausgebrochen wird. Dann kann der Abstieg beginnen, hinein in die Sagenwelt der Unterirdischen, in eine tiefere, mythische Vergangenheit an der deutsch-dänischen Grænze. Wer den Unterjordisken hinunter folgt, landet im Zukunfts- und Ursprungsort der Språche selbst: dem Krustengrund. Dort, wo die Zerwachsenen das Sagen haben, wo es gyngt und nynnt, wo man sich aufschürft an den anderen, an sich selbst, wo man hineinwächst in eine Welt, die nicht zu begreifen ist, hineinwächst
in eine erda, in der man beginnt, gegen das Nichtverstehen anzusyngen.

STIMMEN ZU LIV THASTUM

Die vexierbildartige Verknüpfung mehrerer europäischer Sprachen, wie diese Dichterin allein sie lyrisch zu nutzen versteht, mündet in ein klangvolles, literaturhistorisch und linguistisch versiertes Versgewirk, das trotz oder vielmehr dank seines Hybridcharakters wie „aus wilder Wurzel“ oder „auf wilde Wurzel“ gebaut zu sein scheint: So neu wie ureigen, stand dort, an seinem Ort in der jungen europäischen Gegenwartslyrik, vor ihm noch nichts.
— Dagmara Kraus, Ostragehege

Liv Thastum erschafft einen eigenen Sprachraum, der zugleich universell ist: Lädt sie uns ein, Teil von vielen Resonanzräumen zu sein, die auch ein Plädoyer für das gemeinsame Miteinander darstellen, dem sie Hetze und Ausgrenzung entgegenstellt. Ein richtungsweisender Text mit einer starken politischen wie poetischen Haltung einer Autorin, von der ich noch viel, viel mehr lesen möchte.
— Lara Sielmann, Laudatio zum Wortmeldungen Förderpreis 2024

Dieses Zwiesprechen peilt genau auf die Neugier und lässt von Stelle zu Stelle staunen und staunen.
— Felix Schiller, Sprache im technischen Zeitalter

Die beiden Sprachen mischen sich wild wie lustvoll in den Versen des Gedichts, das im Vortrag zu einem unvergesslichen Ereignis wird. … da so am krustengrund feiert die Lebendigkeit der Sprachen im unkartierten Grenzgebiet zwischen Deutsch und Dänisch, im germanischen Ursprachwald, im dunklen Wildwuchs des Unkrauts dort, tief unten.
— Stefan Diezmann beim Open Mike 2024

LESEPROBE

(…) dann sieht man umrissen
gestalten die graben, die gruben
die brechen, die brachen heraus
aus gravhoj, aus beulung, aus schwellung, aus grab
es sind die verbannten, die man vertrieben
die ungeliebten
die ungekämmt blieben

sie laufen entlaufen entlang der begrenzung
ein wachtrup? ein nachttrup? in bajstrup
in humptrup und kruså
hat wer sie gesehen
ein bauer aus ubjerg ein anwalt aus ellhöft
die signe aus frøslev könnte erzählen:
hier warn sie einmal var de auch hier

man nennt sie und nynnt sie
in vielzahl von namen
die man hier und jenseits der grenze vergibt
sag vitte sprich vatte
hvad litte blir glatte
von ditte zu datte
nenn sie

spaltensprecher, regelbrecher
dreckverbreiter, totenreiter
langefnger, hungerbringer
balgverwechsler, unglücksdrechsler
menschenschinder, satanskinder
farfarsünder, ketzergründer
mor der inde, mörderinne

(…) es sind die verwiesenen
die nats aus der erda op steigen
og schrejten og schrejten
entlang den grænzen die sie vertreiben

wir in wanderung. nordwärts. durchschreiten elf dialektlinien. sten, stenen, stienen, æ stien auf einem stein auf einem steenken. ein sturm hat zu verrückung geführt. der sand, auf dem wir gehen, ist gepflastert. wir knirschen uns den strand entlang. rasch, rasch. ein bunkerdach ragt aus dem meer. en bunker. to bunker. und noch en bunker. rasch, rasch. ich – immer weiter hinten, setze forsigtig einen fuß vor den anderen. doch in wiederholung schleift selbst die leichteste berührung.

murmelnd zum fels gerichtet. ich – in wimmerung. betaste die jammerrunen im stein. kann sie lesen. kann sie syngen. wir mit unseren einschreibungen. der kalkfels – nenn ihn bulbjerg. und ich – nenn mich, wie du willst.

jede linie – diese og denher und diese og denher – jede linje im fels bezeugt mehrere generationen. eine schicht deutsch. eine schicht dänisch. und ich mit meinen språchen. immer murmelnd in bewegung. der wimmernde übergang zwischen zwei schichtungen.

DIE AUTORIN

Liv Thastum, geboren 1997 in Berlin, schreibt Gedichte, Essays und szenische Texte auf Deutsch, Dänisch und zwischen den Sprachen. Sie studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim, Biel und Berlin. Ihre Texte wurden in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften im deutschen und skandinavischen Raum veröffentlicht und performt. 2024 wurde sie mit dem Wortmeldungen Förderpreis ausgezeichnet und war Lyrikfinalistin beim 32. Open Mike, 2025 nominiert beim Literarischen März in Darmstadt. Liv Thastum übersetzt zwischen Deutsch und Dänisch. åben die erda ist ihr Debüt.


Liv Thastum, åben die erda. Gedichte, Reihe Lyrik Band 94, 88 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, ISBN 978-3-948336-32-5

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