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Georg Leß. die Hohlhandmusikalität. Gedichte

Georg Leß. die Hohlhandmusikalität. Gedichte

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Sonnentau, blankes Blatt, Verlangen ist ein Platz / zwischen Sehern im Dom, Verlangen ist die Diskussion auf Augenhöhe mit der Axt


DAS BUCH

Ein Missgeschick regt zum nächsten an. Ein Gedanke stößt gegen die Stirn, ein Finger gegen Tasten, eine Zunge gegen Schneidezähne, die Stirn gegen eine gut gereinigte Glastür oder Scheibe eines Aquariums. Auch so entstehen Klänge, helle und dunkle. Viele der Gedichte in „die Hohlhandmusikalität“, insbesondere die Reihe der Wirbel, widmen sich Fehlleistungen, Unannehmlichkeiten, vom Haushaltsunfall bis zum Weltende, und wurden fallweise angestoßen von authentischen Erfahrungen mit Körper und Lebenswelt sowie der Schnittstelle Unheil. Sie entsprechen Schadensprotokollen, aber auch Trostpflastern – ja, hier entsteht ein blauer Fleck, abgesehen davon ein Gedicht.
– Georg Leß


STIMMEN ZU GEORG LEß

„gerade Strecken sind uns nicht gegeben heißt es programmatisch im Schlussvers des fünften Wirbels ‒ und genau diese Vorliebe für lyrische Richtungswechsel und für kalkulierte Bildbrüche ist es, die für die produktive Unruhe in der Dichtung von Georg Leß sorgen. In den Wirbeln und den Sauerland-Gedichten wird eine bedrohliche Atmosphäre geschichtlicher Erschütterungen hergestellt, ein Zustand kurz vor dem Umkippen in die endgültige Katastrophe.
‒ Michael Braun, Sprache im technischen Zeitalter

Lyrik ist literarische Pionierarbeit, und genau die wird hier geleistet: die kleinste Armee ist immer die Vorhut, nach dem Leß-Motto: was ich nicht auszusprechen weiß / nehme ich trotzdem in den Mund.
‒ aus der Laudation zum Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler

Die Gedichte haben eine Aura, die provoziert. Sie gehen den Lesenden nach und uns an im Doppelsinn des existenziellen Betreffens und des Angriffs auf unsere Existenz. Denn es ist ein leises und subtiles Grauen, das in denen aufsteigt, die sich bei der Lektüre öffnen. Nichts ist hier sicher, nichts stabil, nichts mehr gewohnt und vertraut: weder das Ich, noch die Konventionen oder ein Du, weder die Dinge noch die Sprache. Im Alltag, in der sogenannten Normalität, durch die einfachen Wörter tut Bedrohung sich auf, wenn Georg Leß sie falsch benutzt, in einer originellen, einmaligen Wendung gegen die Wörterbuchdefinition, die Normalkontexte, was manchmal überraschend witzig, immer aber abgründig ist und suggeriert, alles könnte vieles bedeuten, Bedeutungen gleiten, entgleiten. Auf ein Es, das unbenannt bleibt, unbegreifbar und unbegriffen, ein Etwas, das wohl überhaupt nicht zu fassen ist, weisen eigentlich all diese Gedichte, in ihren Bildern, Statements, Szenen und Aktionen, durch ihre Musik: das suggestive Spiel der Assonanzen und Rhythmen, durch das die freien Verse sich bei den Lesenden einschleichen und wirken, irgendwie. Obwohl sie selbst kalt sind, melancholisch kalt, kalkuliert, lassen sie nicht kalt.
‒ aus der Laudation zum GWK-Förderpreis für Literatur


LESEPROBE

Erkundung des Handschuhs

er zieht den Bauch ein und sie findet Platz, etwas
ganz anderes als Schwangerschaft

die Ausdehnung entschied, Nähe zum Instrument
nicht Musikalität

die Deltamusikalität
die Pyramidenmusikalität
die lange Hohlhandmusikalität

wir nimmer im Bau Geborgenen, von keinerlei
Schale Gestalteten, keinem einzigen Blättchen

der Qualm immerhin galt als Einladung, livider
Aushub eines Anchs, sorgenvoll, vorerst seelenlos
kosteten wir die fünf Gänge

 

Rückkörperstoßmarsch

frühe Erfahrung mit diesem Stück Sauerland, einige führen
auf seinen Charakter den Boden zurück, den gesamten Begriff

organisch-
vulkanische Prägung, einige tragen bei, einige tragen Kalk
einige lesen darüber rein gar nichts, zu dunkel, zu zweit
fürs Heilandmuseum Nerv und Zeit, den Stützpunkt verscharrt
jeder steckt anderswem Grenzen, egal wie dick, Zündköpfe
finden sich

frühe Geschichte mit Großeltern: einige haben darin einen Leib
in fulvo liegen sehn, jeden Tag fehlte ein Abschnitt

trag schwer an Stützmuskulatur oder getragen werden, unlenkbar
durchzittert vom Zergen des Schiefers, der Itter
stört zwischen Sägeblatt, Kiefern, in Meiler und Stall
     ein Menschenopfer würde ich nicht singen, denn
     ich treff es nicht, tippen wäre
     etwas anderes; Tieropfer
blasseste Vorstellung, was
     ein damaliges Lamm einer Familie bedeutet haben mag, mitunter
     einem anderen Lamm

Gewichtsverlagerung, raketengleich kam ich auf meiner Lichtung an


DER AUTOR

Georg Leß, geboren 1981 in Arnsberg (Hochsauerlandkreis), lebt in Berlin. Gedichte, Erzählungen und Essays erschienen in Anthologien und Zeitschriften, darunter manuskripte, Transistor, Sprache im technischen Zeitalter, Park, randnummer, Akzente, Edit, karawa.net, all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän, kookbooks 2016, und Spitzen. Gedichte. Fanbook. Hall of Fame, Suhrkamp 2018. 2013 erschien der Einzeltitel Schlachtgewicht. Gedichte in der parasitenpresse. 2014 GWK-Förderpreis für Literatur. 2016 Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler.


Georg Leß, die Hohlhandmusikalität. Gedichte, Reihe Lyrik Band 64, 96 Seiten, Broschur mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer, ISBN 978-3-937445-97-7

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